
Das Basler Modell und seine Folgen
Stadttauben im Lockdown: Streit ums Fütterungsverbot
Hungernde Tauben während des Corona-Lockdowns
Als im Frühjahr 2020 wegen des Corona-Lockdowns Restaurants und Take-aways schlossen und die Innenstädte praktisch leer blieben, verbreitete sich schnell die Sorge, Stadttauben könnten verhungern, weil ihnen die übliche Nahrung durch Essensreste und Krümel fehle. Ein Blick auf die damalige Berichterstattung zeigt, wie unterschiedlich diese Notlage bewertet wurde – und führt mitten in die grundsätzliche Debatte darüber, ob sich Stadttaubenbestände über Nahrungsknappheit tiergerecht regulieren lassen.
Bereits Ende März 2020 berichtete «20 Minuten», dass sich Tierschützer in Basel um die Tauben sorgten, weil diese wegen des Lockdowns kaum noch Nahrung fänden.1 Ähnliche Berichte gab es auch andernorts. Im Juni berichtete SRF über die Situation im benachbarten Badisch Rheinfelden, wo der örtliche Tierschutzverein von stark abgemagerten und nach seinen Beobachtungen verhungernden Tauben sprach.
Haag-Wackernagel: Füttern fördert die Fortpflanzung
Der Basler Biologe Daniel Haag-Wackernagel beschäftigte sich während Jahrzehnten wissenschaftlich mit Stadttauben und prägte das Basler Fütterungsverbotsmodell wesentlich mit. 2019 wurde er als Professor der Universität Basel emeritiert und ist heute nicht mehr als aktiver Forschungsgruppenleiter der Universität tätig.
Gegenüber «TierWelt» warnte er im April 2020 vor zusätzlicher Fütterung: «Wenn jetzt gefüttert wird, beginnen die Tauben zu brüten.» Seine Begründung liegt in der besonderen Fortpflanzungsstrategie der Stadttauben, die als Nachfahren domestizierter Tauben über eine ausgeprägte und lange Brutperiode verfügen.
Entscheidend ist der Satz, mit dem Haag-Wackernagel die Folgen unterschiedlicher Nahrungsverfügbarkeit beschreibt: «Ist genug Nahrung vorhanden, kommen die Nestlinge durch, wenn nicht, ist nicht viel verloren, wenn sie sterben.»2 Auch gegenüber SRF sprach er sich wenige Wochen später gegen zusätzliche Fütterung aus: «Wenn man jedes Tier, das Hunger hat, füttern würde, hätten wir unvorstellbar viele Tiere.»3
Was Nahrungsknappheit tatsächlich bewirkt
Für die Einordnung dieser Aussagen ist eine Untersuchung von Birte Stock und Daniel Haag-Wackernagel aus dem Jahr 2016 besonders interessant. Darin wurde eine Basler Stadttaubenkolonie vor und nach dem Wegfall einer wichtigen Nahrungsquelle untersucht.
Nach der Verringerung des Nahrungsangebots wurden in dieser Kolonie zwar weniger Brutversuche pro Brutpaar registriert. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Nahrungsknappheit die Fortpflanzung von Stadttauben einfach unterbindet. Die durchschnittliche Gelegegrösse blieb praktisch unverändert, und auch der Schlupferfolg ging nicht signifikant zurück. Deutlich zeigte sich die Nahrungsknappheit dagegen während der Aufzucht: Die Überlebensrate der Nestlinge sank signifikant, und entsprechend wurden deutlich weniger Jungtauben flügge.
Gerade dieser Befund ist für die Debatte um Fütterungsverbote wichtig. Die Vorstellung «weniger Futter = weniger Nachwuchs» greift zu kurz, wenn sie den Eindruck erweckt, die Regulation erfolge hauptsächlich dadurch, dass keine Jungtiere mehr entstehen. Zumindest in der untersuchten Basler Kolonie traf ein wesentlicher Teil der Folgen bereits geschlüpfte Tiere.
Das Basler Modell war nie nur ein Fütterungsverbot
Auch die historische Entwicklung des Basler Taubenbestands muss in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden. Zur Rechtfertigung von Fütterungsverboten wird bis heute gerne auf Haag-Wackernagels Studie «Regulation of the Street Pigeon in Basel» von 1995 verwiesen. Dort wird berichtet, dass die Basler Population zwischen 1988 und 1992 von rund 20’000 auf 10’000 Tauben zurückging.
Was bei dieser Erfolgsgeschichte häufig fehlt: Im selben Zeitraum wurden gleichzeitig mehr als 8’000 Tauben eingefangen und getötet. Eine Stellungnahme der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht dokumentiert die damalige Vorgehensweise unter Bezugnahme auf Haag-Wackernagel. Demnach wurden die Tiere eingefangen, «damit sie wegen der verringerten Nahrungsmenge nicht verhungerten». Die Population sollte auf diese Weise schneller an die reduzierte Nahrungsgrundlage angepasst werden.
Die bekannte Halbierung des Basler Bestands lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres als isolierter Beleg für die Wirkung eines Fütterungsverbots verwenden. Basel setzte gleichzeitig mehrere Massnahmen ein: Das Nahrungsangebot wurde reduziert und Tausende Tiere wurden aus der Population entfernt. Haag-Wackernagel vertrat zwar die Auffassung, dass die jährlichen Fänge für sich allein keinen regulativen Einfluss auf die Populationsgrösse gehabt hätten. Aus der parallelen Bestandsentwicklung lässt sich der Anteil der einzelnen Massnahmen jedoch nicht einfach ablesen.
Noch bemerkenswerter ist der Zusammenhang mit der Verhungerungsfrage: Die Tötungen wurden laut der Stellungnahme der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht gerade damit begründet, verhindern zu wollen, dass die Tiere infolge der reduzierten Nahrungsgrundlage verhungern.
Was die Corona-Debatte sichtbar machte
Vor diesem historischen Hintergrund erhält Haag-Wackernagels Aussage aus dem Corona-Lockdown besondere Bedeutung:
«Ist genug Nahrung vorhanden, kommen die Nestlinge durch, wenn nicht, ist nicht viel verloren, wenn sie sterben.»
Aus unserer Sicht zeigt sich darin das grundsätzliche Problem einer Bestandsregulierung über Nahrungsknappheit besonders deutlich. Stadttauben hören bei einem reduzierten Nahrungsangebot nicht einfach auf, sich fortzupflanzen. Die Untersuchung von Stock und Haag-Wackernagel registrierte zwar weniger Brutversuche pro Paar, aber keine signifikante Veränderung der Gelegegrösse oder des Schlupferfolgs. Die Folgen des Futtermangels zeigten sich insbesondere bei den bereits geschlüpften Nestlingen.
Genau hier liegt für uns der entscheidende Unterschied zum Eiertausch. Bei betreuten Taubenschlägen wird die Fortpflanzung gezielt begrenzt, indem Eier gegen Attrappen ausgetauscht werden. Damit setzt die Bestandskontrolle vor dem Schlupf an. Eine Regulation über Nahrungsknappheit bietet diese Kontrolle nicht: Es können weiterhin Jungtiere schlüpfen, die anschliessend die Folgen des Futtermangels tragen.
Die Corona-Situation machte diesen Konflikt besonders sichtbar. Menschen sorgten sich um konkrete hungernde Tiere, während zusätzliche Fütterung mit dem Argument abgelehnt wurde, sie würde zu mehr Nachwuchs führen. Die Antwort auf die Nahrungsknappheit bestand damit nicht darin, die betroffenen Tiere zu versorgen, sondern sie als populationsregulierenden Faktor zu akzeptieren.
Fazit
Die Corona-Debatte von 2020 zeigt, warum die einfache Formel «weniger füttern = weniger Tauben» zu kurz greift. Die Basler Erfahrungen belegen nicht, dass ein Fütterungsverbot eine Art tiergerechte Geburtenkontrolle darstellt. Die historische Halbierung des Basler Bestands erfolgte gleichzeitig mit der Tötung von mehr als 8’000 Tauben – laut der Stellungnahme der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht ausdrücklich auch, damit Tiere infolge der reduzierten Nahrungsgrundlage nicht verhungerten. Und die spätere Untersuchung von Stock und Haag-Wackernagel zeigt, dass zwar die Zahl der Brutversuche zurückging, Gelegegrösse und Schlupferfolg jedoch nicht signifikant abnahmen, während zugleich die Überlebensrate der Nestlinge sank.
Für uns ist deshalb nicht nur entscheidend, ob eine Stadttaubenpopulation reguliert wird, sondern wie. Wir setzen uns für betreute Taubenschläge mit artgerechter Versorgung und konsequentem Eiertausch ein: für eine Bestandskontrolle, die gezielt die Fortpflanzung begrenzt, anstatt die Regulation dem Nahrungsmangel und seinen Folgen für bereits geschlüpfte Tiere zu überlassen.

Unser Gesamtkonzept orientiert sich am Augsburger Modell und zeigt, wie betreute Taubenschläge in der Schweiz effizient und tiergerecht umgesetzt werden können.











